Infras

Auch Familienarbeit zählt als Erfahrung

Teilzeit ist auch auf Kaderebene möglich.
Teilzeit ist auch auf Kaderebene möglich.

Die Zürcher Firma Infras erstellt Expertenberichte und Studien und berät Verwaltungen sowie verschiedene Politikbereiche. Die Expertinnen und Experten hinter den Studien kommen aus dem Ingenieurwesen, aus der Ökonomie oder aus Natur- und Sozialwissenschaften. Dieser Mix erzeugt eine spezielle Arbeitsatmosphäre mit wenig Konkurrenz- und Gärtchendenken. Das erleichtert auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Wenn spätabends das Licht im Büro noch brennt und der Bildschirm leuchtet, dann arbeitet dort eine gute Mitarbeiterin oder ein guter Mitarbeiter. Dieses Bild herrscht in vielen Köpfen, und in manchen Firmen getrauen sich Angestellte kaum, früh nach Hause zu gehen – selbst wenn die Arbeit erledigt ist. Das Gegenteil gilt bei der Infras. Wer bei der Forschungs- und Beratungsfirma in Zürich-Binz wenige Stunden für ein Projekt aufschreibt, bereitet der Firmenleitung Freude. «Die Präsenz sollte nicht zählen», sagt Susanne Stern. Sie ist Bereichsleiterin und Partnerin bei der Infras und zuständig für die Studien und Beratungen in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft, Familienpolitik und Bildung. Sie leitet die wechselnden Projektteams aus diesen Fachbereichen bei einem Pensum von 70 Prozent. «Wichtiger ist effizientes und autonomes Arbeiten», präzisiert sie und meint damit auch, dass in einem Projekt die Planung stimmen muss und dass Mitarbeitende imstande sein müssen, die Arbeiten sinnvoll aufzuteilen.

Geschäftsleitung heisst nicht: 100 Prozent anwesend
Teilzeitarbeit ist bei der Infras auch auf Kaderebene keine Seltenheit, wie das Beispiel von Susanne Stern zeigt. Sie ist innerhalb der Firma im Lauf der Zeit aufgestiegen und lobt die Nachwuchsförderung des Betriebs. Nach ihrer Beförderung zur Bereichsleiterin bekam sie ihr zweites Kind und konnte das Pensum trotz ihrer Position problemlos von 80 auf 70 Prozent reduzieren. Rolf Iten, der Geschäftsleiter der Firma, weiss ihre Arbeit zu schätzen und stört sich nicht daran, dass sie nicht fünf Tage pro Woche im Büro ist. Das ist er nämlich selber auch nicht. «Seit 20 Jahren verbringe ich den Freitag zu Hause», so Iten. Früher habe er sich an dem Tag noch um die Kinder gekümmert, heute sei es mehr ein Home-Office-Day als ein eigentlicher «Freitag». Das Arbeiten von zu Hause aus ist auch bei den anderen Mitarbeitenden der Infras verbreitet. Dank fortschrittlicher EDV-Einrichtung werden die Arbeitsplätze mobil. Die Mitarbeitenden müssen keine langen Umwege machen und sparen so wertvolle Zeit. Sie können auch einmal die Kinderaufsicht mit der Arbeit verbinden und müssen deswegen nicht um ihr Ansehen bei Kolleginnen und Kollegen fürchten. «Vieles geschieht bei uns sowieso extern bei den Kunden. Dann ist man ja auch nicht im Büro und arbeitet dennoch. Darum heisst Abwesenheit bei uns nicht Freizeit. Das war noch nie ein Problem», sagt Susanne Stern. Auch Teilzeitarbeit sei nie ein Problem gewesen. Seit Anbeginn habe es in der Firma Teilzeitmitarbeitende gegeben, und viele Geschäftsleitungsmitglieder seien schon damals wenigstens einen Tag pro Woche abwesend gewesen.

«Wir können fast nicht anders»
Die hohe Mobilität und Flexibilität birgt auch Gefahren. «Wer Teilzeit arbeitet und auch noch eine Führungsposition innehat, sollte in ‹heissen Phasen› schon hin und wieder die E-Mails abrufen und erreichbar sein», sagt Susanne Stern. Die «Dauererreichbarkeit» wolle man aber bei der Infras nicht einführen. «Da müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu viel von den Mitarbeitenden erwarten.» Trotzdem muss, wer von der Arbeitgeberin Flexibilität erwartet, auch hin und wieder selber Flexibilität beweisen. Das geht einher mit einem hohen Commitment gegenüber der Firma. Und dieses, glaubt Geschäftsleiter Rolf Iten, sei umso höher, je besser die Arbeitsbedingungen sind, die er in seiner Firma zur Verfügung stellen kann. «Es lohnt sich auch für uns, wenn wir uns engagieren», sagt er. Einerseits seien flexible Arbeitszeiten, Teilzeitarbeit und allgemein familienfreundliche Strukturen ein starkes Argument auf dem Arbeitsmarkt, wenn man gute Leute rekrutieren wolle. Andererseits sei aber auch die Leistungsbereitschaft, also die Motivation und Produktivität der Mitarbeitenden bei der Arbeit, höher. Für Iten ist klar, dass die Firma davon profitiert – in monetärer und qualitativer Hinsicht: «So sind unsere Leute zufrieden. Das ist wichtig. Und wir sind es auch.» Die Infras fördert diese Arbeitsmodelle aber hauptsächlich deshalb, weil sie von ihnen überzeugt ist. «Unsere Vision heisst Nachhaltigkeit. Themen wie Umweltressourcen und soziales, langfristiges Denken sind für uns zentral. Wir forschen zu diesen Themen seit unserer Gründung. Und bei unserer Arbeit wollen wir sie auch selbst beachten», sagt Iten. Er meint, die Mitarbeitenden der Infras könnten fast nicht anders, als nachhaltig und langfristig zu denken, das sei ihnen quasi in Fleisch und Blut übergegangen. Nicht umsonst hat die Firma 2009 den zweiten Rang beim ZKB-Nachhaltigkeitspreis für KMU erzielt.

Familien- und Freiwilligenarbeit anrechnen
Nachhaltiges Handeln bedeutet bei der Infras auch, die Mitarbeitenden im Beruf zu fördern. Dies geschieht ohne Diskriminierung aufgrund von Arbeitspensen oder des Geschlechts. In den regelmässig stattfindenden Mitarbeitendenbeurteilungen gibt es gendergerechte Kriterien. Wenn im Lohnsystem die Erfahrung der Mitarbeitenden berechnet wird, zählen auch Familien- und Freiwilligenarbeit dazu. Leistungsbestandteile sind beispielsweise das Engagement und die Flexibilität. Damit wird verhindert, dass Teilzeitarbeitende benachteiligt werden – sie werden also genauso gefördert in ihrer Karriere wie Vollzeitarbeitende. Und wer ein halbes oder ein ganzes Jahr vom Beruf wegbleibt, weil ein Kleinkind betreut werden will (die Mitarbeitenden bestimmen die Länge ihres Mutter- oder Vaterschaftsurlaubs weitgehend selber), verpasst nicht einfach ein Jahr Berufserfahrung, sondern tauscht sozusagen Berufs- durch Familienerfahrung aus. Danach ist die Mutter oder der Vater wieder willkommen bei der Infras. «Wir wollen ja unsere guten Leute nicht verlieren», sagt Iten. Er schmunzelt und fügt hinzu: «1989, als ich in die Firma eintrat, war es für mich selber ein zentrales Kriterium, meine Arbeit mit der Familie gut vereinbaren zu können.» (EI/2010)

Auch Teilzeitarbeitende werden gefördert.
Auch Teilzeitarbeitende werden gefördert.

Zahlen und Fakten

Infras 
FirmensitzZürich
Gründungsjahr1976
MitarbeitendeKanton Zürich: 41
schweizweit: 49
Anteil Frauen34 % aller Mitarbeitenden
18 % im Kader
0 % in der Geschäftleitung
Anteil Teilzeitarbeitende
(weniger als 90%-Pensum)
55 % aller Mitarbeitenden
82 % Frauen
40 % Männer
Firma wie Mitarbeitende profitieren.
Firma wie Mitarbeitende profitieren.