Andy Keel – Vollzeit-Hausmann und Vater

«Der Rollenwechsel ist das Beste, was ich in meinem Leben je gemacht habe»

Andy Keel

Vor eineinhalb Jahren wurde der 31-jährige Andy Keel vom Karriere-Banker zum Vollzeit-Hausmann und Vater. Seither arbeitet seine Frau Vollzeit. Davor waren die Rollen umgekehrt verteilt.

Wieso haben Sie sich dazu entschieden, mit Ihrer Frau die Rollen zu tauschen?

Unsere drei Kinder liegen altersmässig weit auseinander, das jüngste ist jetzt zwei Jahre alt. Bis zum Ende seiner Stillzeit kümmerte sich meine Frau um die Kinder und ging daneben ein wenig arbeiten. Sie hat dann noch einmal ein Studium absolviert und wollte natürlich gerne ins Berufsfeld einsteigen. Bei mir war es bis zu dem Zeitpunkt eher umgekehrt: Der Beruf war meine Hauptbeschäftigung. Das berufliche Umfeld und die vorgezeichnete Karriere bei der Bank inspirierten mich aber nicht mehr sehr. Nachdem ich 15 Jahre am Stück gearbeitet hatte, merkte ich, dass ich nicht mehr besser wurde, sondern nur noch müder. Als dann unser jüngstes Kind zur Welt kam, wollte ich mich voll um den Nachwuchs kümmern. So ging das für uns beide auf.

War es für Sie nicht schwierig, die Karriere aufzugeben? Da steckte ja doch viel Einsatz drin …

Schon. Aber ich habe mittlerweile die Zuversicht, dass ich wieder einen Job finden würde, um die Familie ernähren zu können, wenn es hart auf hart käme. Man muss natürlich bedenken, dass unsere Situation komfortabel ist. Wir sind einigermassen abgesichert und können unseren Alltag darum so gestalten, wie wir es uns wünschen. Die Umkehrung der Rollenverteilung konnten wir sozusagen als Projekt ausprobieren.

Sie sehen es also als Luxus, dass Sie das machen können?

Ja, natürlich. Wir hatten zwar eine signifikante Einkommenseinbusse, denn meine Frau verdient unerfreulicherweise weniger, als ich verdient habe. Aber wir können das zum Glück verkraften. In dieser komfortablen Lage befinden sich leider nicht viele Familien.

Welches sind für Sie die positivsten Aspekte des Wechsels?

Ich bin bei den Kindern, sehe sie jeden Tag und kann das Familienleben auskosten. Das ist super. Ich erlebe täglich kleine Erfolge mit den Kindern. Die machen mich total glücklich. Das Weltbild vergrössert sich. Was sich da abspielt, kann man nicht rational erfassen.

Wie unterscheidet sich Ihr jetziger Alltag von Ihrem früheren bei der Bank?

Er ist heute viel anstrengender. Der Alltag mit drei Kindern verlangt eine enorme emotionale und physische Präsenz. Man ist ständig gefordert, 18 Stunden am Tag. Vielleicht fehlt mir noch immer die Routine, aber ich empfinde es als viel anstrengender im Vergleich zu meinem ehemaligen Job. Früher konnte ich die Arbeiten selber einteilen. Heute bestimmen meine Kinder, was ich wann machen muss. Wenn die Windel voll ist, muss sie gewechselt werden und kann nicht wie ein unbeantwortetes E-Mail bis am Abend unerledigt bleiben. Und dann kommt natürlich die emotionale Komponente hinzu. Man ist nicht nur physisch präsent, sondern muss wirklich für die Kinder da sein. In einer Sitzung im beruflichen Alltag kommt es vielleicht hin und wieder vor, dass man zwar dort sitzt, aber mit den Gedanken abschweift, ohne dass es jemand merkt. Zu Hause geht das nicht. Dennoch muss ich sagen, dass ich neben der Kinderarbeit auch noch die kognitive Herausforderung suche. Darum habe ich nebenbei zwei Projekte gestartet. Trotzdem: Der Wechsel zum Hausmann ist etwas vom Besten, was ich in meinem Leben je gemacht habe.

Und dennoch haben Sie auch auf etwas verzichtet – auf momentane berufliche Erfolgschancen. Haben Sie das nie bereut?

Nein. Natürlich schielt man hin und wieder nach links und rechts und sieht, wer befördert wurde oder wer welchen Erfolg verbuchen konnte. Aber existenziell ist dies alles nicht. Das sind so die kleinen Wünsche, die man in unserer Gesellschaft hat … Was mir wirklich Mühe machte, war, kein eigenes Einkommen mehr zu haben. Das war und ist sehr schwierig. Dieser Wechsel von der Ernährer- quasi zur «Konsumentenrolle» nagte an meinem Selbstbewusstsein. Es stört mich bis heute, zum Beispiel das Geburtstagsgeschenk für meine Frau vom gemeinsamen Konto kaufen zu müssen. Das ist ein Thema, das in vielen Partnerschaften die Frauen betrifft und für niemanden schön ist. Betreuungs- und Hausarbeit sind zwar sehr wichtig, sie werden aber nicht bezahlt. Diese Form von Abhängigkeit – auf welcher Seite auch immer sie besteht – ist eine grosse Herausforderung für eine Partnerschaft.

Mit dem Rollenwechsel hat für Sie vor eineinhalb Jahren ein komplett neues Leben begonnen. Von einem Tag auf den anderen …

Ja. Und genau das haben meine Frau und ich total unterschätzt. Unser Familien- und Rollenmodell so plötzlich aufzubrechen, war ein krasser Einschnitt, der für beide eine grosse Umstellung bedeutete. Das hat auch unsere Beziehung belastet. Im Nachhinein müssen wir sagen, wir wären gut beraten gewesen, wenn wir uns von jemandem hätten coachen lassen. Mittlerweile kann ich mit jeder Frau mitfühlen, die lange berufstätig war und dann ein Kind zur Welt bringt. Das Leben verändert sich mit einem Schlag grundlegend. Es braucht Zeit, sich im neuen Leben zurechtzufinden. Meine Frau und ich haben inzwischen herausgefunden, dass das jetzige Modell langfristig nicht die beste Lösung für uns ist. Ich vermisse die Erwerbstätigkeit, und sie vermisst die Familienarbeit. Darum wollen wir bald beide arbeiten und uns die Familienarbeit teilen. Meine Frau wird Teilzeit arbeiten und ich werde mich selbständig machen.

Sie haben aufgrund Ihrer Erfahrungen eine Internetplattform gegründet, die es berufstätigen Familienvätern und -müttern erleichtern soll, ihre Karriere mit der Familie zu verbinden.

Genau. Die Internetplattform www.teilzeitkarriere.ch will salonfähige Teilzeitjobs vermitteln. Es soll also normal werden, dass man Teilzeit arbeitet – und zwar auch in einer Kaderposition. Jobsharing zum Beispiel ist in der Schweiz noch praktisch inexistent. Das liegt auch daran, dass es schwierig ist, ein Tandem zusammenzustellen. Auf www.teilzeitkarriere.ch kann man unter anderem einen Tandempartner oder eine Tandempartnerin für ein Jobsharing suchen. Zurzeit kommen über die Plattform pro Monat immerhin ein bis zwei Tandems zustande. Es ist beeindruckend, wenn zwei Berufsleute einen gemeinsamen Lebenslauf schreiben. Was dabei an Kompetenzen und Erfahrungen zusammenkommt, ist wirklich eindrücklich. Es gibt wohl keinen Menschen, der all dies allein abdecken könnte.

(EI/2010)

Was seither geschah...

Nach gut einem Jahr als Vollzeithausmann eine Anfrage der UBS. Die Bank suchte jemanden, der Innovationen vorantrieb. Andy Keel bedingte sich aus, die Aufgabe auf Mandatsbasis zu übernehmen. Diese Lösung, argumentiert er, komme auch der Bank zugute. Innovation brauche Abstand vom operativen Geschäft: «Unkonventionelle Ideen finde ich sicher nicht im Grossraumbüro einer Bank, sondern dann, wenn ich mich frei ausserhalb der Strukturen bewege.»

Seit er letzten Herbst die Arbeit für die UBS in Angriff genommen hat, kümmerte er sich um die Konzeption und Lancierung diverser Apps für Smartphones, um die Verbesserung der Kommunikation zwischen Kunden und Bank und um die Frage, ob die UBS ein steuerbefreites Familienkonto nach dem Vorbild der Säule 3a lancieren soll (angeregt durch den politischen Vorstoss für ein Elternzeit-Sparmodell). 

Zwei Tage pro Woche sind für Familienarbeit reserviert. «Zum ersten Mal in meinem Berufsleben macht die Arbeit richtig Spass», resümiert der Ökonom, «es ist nicht mehr diese Zerreissprobe zwischen Beruf und Familie.» Nebst der Innovationsarbeit für die Bank hat Andy Keel die Firma Dade-design.com gegründet, die Betonküchen und Betonbadewannen herstellt und es mit einzelnen Objekten bis ins Museum für moderne Kunst in Barçelona schaffte.

(Auszug aus dem Artikel über Andy Keel im Tagesanzeiger vom 10.8.2011)

Vom Banker zum Hausmann.