Rolf Heusser - Jugenddelegierter der Stadt Winterthur

«Mein Arbeitgeber profitierte ebenfalls von meiner Pensumsreduktion»

Rolf Heusser

Als Jugenddelegierter der Stadt Winterthur und Mitglied des Kaders entschied Rolf Heusser 1996, sein Pensum zu reduzieren und sich in Teilzeit um seine beiden Kinder zu kümmern. Seine Familienzeit betrachtet er als grosses Privileg. Heute arbeitet er als Kulturvermittler.

Rolf Heusser, während der vergangenen 13 Jahren waren Sie während mindestens eineinhalb Tagen pro Woche für Ihre Kinder da und fehlten dafür am Arbeitsplatz.

Ich empfand das immer als Privileg und auch als Lebensqualität. Mit den Kindern eine so intensive Zeit zu erleben, das ist nur einmal im Leben möglich. Für mich stand der Beruf nie allein zuoberst; das Familiäre war mir immer genauso wichtig.

Haben Sie mit diesem Entscheid als «Mann in den besten Jahren» nicht etwas verpasst?

Vor Jahren bekam ich einmal von einem Bankdirektor ein lukratives und prestigeträchtiges Jobangebot. Ich schlug es aus. Ich wollte immer eine Arbeit, die mich inhaltlich fordert und befriedigt – unabhängig vom Geld und Prestige. Und abgesehen davon war für mich immer klar, dass ich die Kinderbetreuung mit meiner Frau teilen wollte.

Und doch blieb Ihre Frau nach der Geburt Ihres ersten Kindes die ersten vier Jahre zu Hause, und Sie arbeiteten zu 100 Prozent.

Wir merkten, dass ihre Präsenz für die kleinen Kinder wichtig war. Ich sah jedoch, dass es für sie «sehr happig» war. Zur gleichen Zeit stand ich an meinem Arbeitsplatz ziemlich stark unter Druck. Wenn wir heute auf diese Zeit zurückschauen, wissen wir manchmal gar nicht, wie wir das alles geschafft haben.

Nach vier Jahren entschied sich Ihre Frau, wieder ins Berufsleben einzusteigen.

Ich hätte mir vorstellen können, ganz zu Hause zu bleiben. Meine Frau aber sagte, 100 Prozent zu arbeiten, sei für sie zu viel. Wir kamen zum Schluss, dass die ideale Lösung eine Aufgabenteilung 50:50 wäre. Sie nahm dann eine Stabsstelle bei der Stadt Winterthur an, und ich reduzierte auf 60 Prozent, später auf 70. Heute arbeite ich als selbständiger Kulturvermittler.

Konnten Sie Ihr Pensum  bei der Stadt Winterthur ohne Probleme reduzieren?

Ich leitete damals das Büro für Quartierkultur mit einem Kulturzentrum der Stadt Winterthur. Ich präsentierte mein Anliegen meinem damaligen Chef, FDP-Stadtpräsident Martin Haas. Schon im ersten Gespräch sagte er mir: «Schreiben Sie einen Stellenbeschrieb und legen Sie dar, wie Sie sich das mit dem Jobsharing vorstellen, dann ist das kein Problem.»

Und dann?

Dann suchte ich eine Person, mit der ich meine Stelle teilen konnte. Schliesslich lief es eher auf ein Jobsplitting hinaus, bei dem man die Verantwortlichkeiten klar aufteilt und abspricht. Ich war aber mit der Lösung sehr zufrieden.

Und wie erlebten Sie dieses Modell, um Beruf und Familie zu vereinbaren?

Durchwegs positiv, manchmal aber auch etwas stressig. Ich musste mich mit meiner Jobsharing-Kollegin gut absprechen und mich selber sehr gut organisieren. Das bedeutet schon einen gewissen Mehraufwand. Doch ich bin davon überzeugt, dass mein Arbeitgeber schliesslich davon profitierte.

Inwiefern?

Während meiner Anwesenheit am Arbeitsplatz arbeitete ich konzentrierter. Abend- und Wochenendeinsätze machte ich – wenn nötig – selbstverständlich möglich. Zugute kam mir, dass ein flexibles Arbeitzeitenmodell möglich war und dass ich meine Arbeit selber einteilen konnte. Ein Plus war natürlich, dass ich in unmittelbarer Nähe meines Arbeitsplatzes wohnte.

Trotzdem: Es gab sicher auch Nachteile für Ihren Arbeitgeber.

Es bedarf einer bestimmten Flexibilität des Vorgesetzten, wenn ein Mitglied seines Kaders in Teilzeit arbeitet. Und es ist auch ein bestimmtes Mass an Improvisationsvermögen verlangt. Mein damaliger Chef wusste und akzeptierte, dass am Montag mein fixer Familientag war. Für ihn war das nie ein Problem.

Mussten Sie auch gewisse Konzessionen machen?

Ja, zum Beispiel, dass ich zu 100 Prozent erreichbar sein musste – auch zu Hause, und zwar auch dann, wenn es mit den Kindern mal drunter und drüber ging.

Reichte das Einkommen aus den beiden Teilzeitanstellungen immer?

Meine Frau und ich waren in Bezug auf den Lohn privilegiert, weil wir beide gut verdienten. Wir waren nie dazu gezwungen, aufgrund der Arbeitspensen unseren Lebensstandard herunterzuschrauben.

Der Job des Hausmanns und Erziehers gilt nach wie vor nicht als besonders prestigeträchtig. Ging Ihnen das nie ans Selbstwertgefühl?

Für mich war mein Engagement für die Kinder und die Familie immer eine Selbstverständlichkeit, und ich erhielt auch immer genug Anerkennung dafür – sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich. Insofern stellte sich diese Frage für mich nie.

Und wie reagierte Ihr berufliches Umfeld?

Ich wurde nie belächelt. Ich verkehre aber auch in Kreisen, wo diese Arbeits- und Lebensform akzeptiert ist – und möglicherweise ist in einer städtischen Verwaltung die Akzeptanz solcher Modelle grösser als in der Privatwirtschaft.

Ihre Kinder sind jetzt über 16 Jahre alt und brauchen Sie nicht mehr so sehr.

Bei den Kindern bin ich nun eher als Ansprechpartner gefragt. Und manchmal muss ich auch Grenzen setzen oder nachfragen, wie es in der Schule geht, und da und dort den Finger draufhalten. Die Zeit, die ich jetzt mehr zur Verfügung habe, investiere ich nicht in eine Pensenerhöhung, sondern nutze sie für anderes. Ich habe mich mit einem Nachdiplomstudium für soziale Stadtentwicklung weitergebildet. Und ich engagiere mich für kulturelle Projekte, habe vor kurzem eine Kunstausstellung organisiert und bin Präsident des Filmclubs. Mir wird schon nicht langweilig.

Und wenn Sie jetzt auf die vergangenen Jahre zurückschauen, sind Sie zufrieden?

Kinder aufzuziehen, war das Beste, was mir passieren konnte. Das ist interessant und emotional herausfordernd. Eine tolle Aufgabe – und man bekommt viel zurück.

Das ist die Sonnenseite – gab es auch Schwieriges zu überstehen?

Bei diesem Arbeits- und Lebensmodell ist die Belastung hoch. Man kommt an seine Grenzen – und ist für einige Jahre ganz schön ausgebucht. Aber es lohnt sich auf jeden Fall.

(2011/MA)

Hohe Belastung.

Familienzeit als Privileg.